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„Zeitungen sind wie Spitäler“

2 Kommentare

Felix C. Seyfarth (35), dipl. pol. studierte Philosophie und Geschichte in Berlin und New York. Er war im Bereich Public Information für die Vereinten Nationen tätig und arbeitete als Internet-Spezialist für die Deutsche Bank in New York. Von 2006 bis 2009 leitete er als Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Präsidiumsbüro der Leuphana Universität Lüneburg das Universitätsmarketing und die Zentrale Webredaktion. Im Rahmen der Startwoche 2010 betreut er als Experte das neue Team «Doku Internet».


Daniel Stricker: Sie doktorieren an der HSG zum Thema „Fernsehen 2.0“.  Im Moment sind die Fernsehwelt und das Internet weitestgehend getrennte Informationskanäle. Ist diese Trennung heute bereits durchbrochen?

Felix Seyfarth: Man sieht dass diese beiden Medien immer stärker miteinander verschmelzen. Ganz deutlich ist das bei der Hardware. Ich kann mir auf neuen Fernsehgeräten mit Internetanschluss bereits heute  YouTube-Clips angucken. Die Fernsehanstalten versuchen mit verschiedenen Experimentalformaten diese Kluft zu überbrücken. Angebote wie Hulu oder iTunes, erlauben mir Fernsehsendungen  zu kaufen und herunterzuladen. Es gibt auch Formate, die Inhalte, die aus dem Internet kommen, in das Fernsehen übernehmen.

Fernsehen 2.0 bedeutet ja auch, dass das Publikum zum Inhaltsproduzenten wird. Halten Sie es für möglich, dass  diese Partizipation über das Uploaden von Filmchen auf  YouTube hinausgehen wird?

Das passiert bereits, wir sind mittendrin in einer Umwälzung. Unsere Internetgesellschaft wird durch das klassische Modell Sender/Empfänger weniger treffend beschrieben als durch ein Modell Sender/Sender-Kommunikation. Wenn ich eine Botschaft aussende, kann und muss ich davon ausgehen, dass ein Empfänger diese weitersendet, kommentiert oder modifiziert. Und davon ist zunehmend auch das Fernsehen betroffen.

Können Sie uns ein Beispiel eines Sendekonzepts nennen, das dieses Fernsehen 2.0 einläuten wird?

Eine kluge Frage. Und die Antwort darauf wäre sehr viel Geld wert. Wir wissen es noch nicht genau. Wir wissen, dass sich die Fernsehlandschaft verändern wird, deshalb sind viele auf der Suche nach neuen Konzepten. Sowohl bei den privaten als auch bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Ein Beispiel habe ich schon erwähnt: iTunes. Wenn ich eine Episode einer Fernsehserie sehen will, kann ich das tun, wann und wo immer ich will. Ausserdem sehen wir, dass parallel die Qualität vieler Serien steigt. Nicht nur in der Produktion an sich, sondern auch in den Inhalten. Erzähltstrukturen und Charaktere werden komplexer, vielschichtiger. Die Produzenten wissen, dass sie anspruchsvolle Zuschauer dadurch halten können. Vor zwanzig Jahren hätte man meterweise VHS-Kassetten ins Regal stellen müssen um beispielsweise die komplette “Star Trek”-Serie anzusehen. Heute können Sie diese Serien auf ein paar DVDs kaufen oder einfach insgesamt herunterladen.

Das Fernsehen selber ist noch weitgehend zeitgebunden. Video-Podcasts befreien den Konsumenten von der Programmplanung. Hat dies finanzielle und inhaltliche Auswirkungen auf das heutige Fernsehen?

Zunächst mal erhöht es die Freiheitsgrade für den Zuschauer. Ich glaube aber, dass das redaktionell gesteuerte Programm eine Zukunft hat, weil es dem Konsument hilft, seinen Alltag zu strukturieren. Und weil in unserer Zeit so viel Information verfügbar ist, wird die Rolle des Redakteurs, der auswählt und verdichtet, immer wichtiger werden. Denn ich will mich auf das Urteil dieser journalistischen Experten verlassen können. Für diese Experten ist langfristiges Denken wichtig: Nicht das schnelle Geld sondern die langfristige Zuschauerbindung und der Aufbau von Reputation. Da gibt es eine ganz wichtige ethische Komponente.

Heisst das, dass Ethik und Wirtschaftlichkeit keinen Widerspruch bedeuten?

Ich bin überzeugt davon, dass ein hoher qualitativer und damit ethischer Anspruch gut für das journalistische Geschäft ist. Rezipienten werden diese Qualität erkennen und honorieren, denn sie wollen nicht in erster Linie als passive Kunden betrachtet werden, sondern als Partner. Das ist der Grund, weshalb man mit Medien zwar Geld verdienen kann, warum dies aber nicht der einzige Massstab sein kann.

Damit stehen Sie im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Referenten der Eröffnungsrede anlässlich der Startwoche an der Universität St. Gallen. Prof. Dr. oec Roman Capaul und Prof. Dr. K. Stanoevska-Slabeva haben in Ihren Eröffnungsreden die These vertreten, dass die Qualitätszeitungen durch 20 Minuten und dem Internet vom Aussterben bedroht sind.

Richtig ist, dass wir nicht nur in der Schweiz sondern in ganz Europa und Nordamerika beobachten, dass etablierte Medien sparen müssen, und damit Abstriche an der Qualität riskieren. Weil die meisten journalistischen Medien vorrangig von Werbeeinnahmen abhängig sind, leiden sie besonders intensiv unter Konjunkturzyklen. Das kann zu Innovationen führen, die neue kostengünstige Modelle hervorbringen. Ich denke aber, dass wir uns als Gesellschaft fragen müssen, wieviel uns Qualitätsjournalismus auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten wert ist und wie wir diesen in Zukunft finanzieren.  Es gibt hier möglicherweise auch eine Aufgabe für den Staat, denn Qualitätsjournalismus ist ein erhaltenswertes öffentliches Gut.

Wenn ich die Entwicklung der Angebote von Spiegel Online und ARD Online betrachte, so ist es mittlerweile soweit, dass Angebot und Qualität sich nicht mehr stark unterscheiden. Wenn private Zeitungsverlage und öffentlich-rechtliche Fernsehstationen irgendwann inhaltlich deckungsgleiche Angebote haben, könnte man doch auch genau das Gegenteil fordern: Die Abschaffung aller Gebühren. Denn offenbar gelingt es Spiegel und der FAZ auch ohne Subventionen hochwertige Inhalte bereitzustellen.

FAZ und SPIEGEL Online sind beides keine typischen Beispiele für private Verlage. Die FAZ gehört einer gemeinnützigen Stiftung und der SPIEGEL ist im Besitz der Erben Augstein und der Mitarbeiter. Der Verlag Gruner + Jahr hat nur eine Minderheitenbeteiligung.

Aber sie arbeiten rentabel. Der Spiegel Verlag erwirtschaftet solide Gewinne.

Die Diskussion um die Höhe und die Angemessenheit der Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Medien taucht immer wieder auf, vor allem in Zeiten, da gespart werden soll. Für mich ist diese Frage zur Abschaffung aller Gebühren ein bisschen falsch gestellt. Man kann sich das vielleicht klar machen in Analogie zu einem Spital. Natürlich kann ein Spital auch Geld verdienen. Seine Hauptaufgabe ist aber ein öffentliches Gut, nämlich Patienten zu behandeln und gesund zu machen. Und ich glaube, beispielsweise ein Zeitung funktioniert nach ähnlichem Prinzip. Auch sie soll profitabel sein. Ihr Erfolg und ihre Qualität werden aber nicht alleine daran gemessen werden, denn auch sie erwirtschaftet ein öffentliches Gut. Richtig ist aber auch, dass die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten ihre Finanzierung nicht als Selbstverständlichkeit begreifen dürfen und wir sicherstellen sollten, dass das öffentliche Geld vor allem in die Qualität des Programms fliesst..

Kommen wir zurück zum Fernsehen 2.0. Werde ich also bald während einer Dr.-House-Folge auf seine Jeans klicken und sofort kaufen können?

Ja. Die Technologie gibt es schon und ich denke, solche Ideen wird man relativ bald ausprobieren können. Ob es sich dauerhaft durchsetzt, und auf welchen Formaten, wird man sehen.

Gibt es weitere Wirtschaftszweige, die durch diese Verschmelzung profitieren können? Kauft Amazon bald ProSieben?

Wenn Amazon gerne einen Fernsehsender betreiben möchte, dann ist das heute wahrscheinlich einfacher, diesen neu aufzubauen als einen etablierten, klassischen TV-Sender zu kaufen. Denn dort erbt man jede Menge Infrastruktur und Know-how, die längst nicht mehr notwendig sind. Aber die Schwelle, einen eigenen Sender zu betreiben, ist heute unglaublich viel niedriger als vor zehn Jahren.

Durch diese Entwicklung sind die Fernsehanstalten also gezwungen, schnell umzudenken und Know-how aufzubauen. Wie beschaffen sie sich dieses Wissen?

Nicht zuletzt an Universitäten. Es wird in diesem Bereich sehr viel geforscht und es gibt auf der anderen wirtschaftlichen Seite sehr viele Pilotprojekte und Experimente, mit denen man hofft, neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Leute, die früher die Zukunft vorausgesagt haben, stehen heute oft mit abgesägten Hosen da. Darf ich Sie dennoch bitten, ins Kristallglas zu gucken und uns zu sagen, wie wir in 20 Jahren fernsehen werden?

Ich glaube von Jacques Chirac stammt der Satz: “Prognosen sind schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen.” Ich glaube technisch werden wir – wo auch immer wir sind – in sehr hoher Qualität Bewegtbild konsumieren können ohne dazu schweres Gerät mit uns herumtragen zu müssen. Ich glaube nicht, dass 3D-Fernsehen das klassische zweidimensionale Format verdrängen sondern lediglich ergänzen wird. Ich glaube auch, dass wir die soziale Komponente des Fernsehens wiederentdecken werden. Denn mit Kopfhörern auf einem iPhone-Bildschirm einen Film anzusehen, ist nicht halb so befriedigend wie mit Freunden und Familie dieses Erlebnis zu teilen.

Herr Seyfarth, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

  1. LonelyLoon sagt:

    Macht Spass, Deine Interviews zu lesen. Bitte bring noch ein paar mehr!

  2. Der geborene Interviewer! Viel Substanz entlockt mit durchdachten Fragen. Eine glatte 11 von 10.