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Freche Mäuler braucht das Land!

1 Kommentar

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Ein Gespräch mit dem ehemaligen Chefredaktor des St. Galler Tagblatts über unmündige Bürger, die berühmte Schwarmintelligenz  und Jörg Kachelmann natürlich.


Gottlieb F. Höpli war langjähriger NZZ-Redaktor und von 1994 bis 2009 Chefredaktor des St. Galler Tagblatts. Noch heute ist er beim Tagblatt als Autor und Kolumnist tätig. In seiner Freizeit widmet er sich unter anderem mit Hingabe dem Kirchenorgelspiel. Während der HSG-Startwoche ist er Experte der 25 Fallstudiengruppen Print.


Daniel Stricker: Herr Höpli, alle Referenten, denen ich bisher zuhören durfte, sehen den Qualitätsjournalismus durch die neuen Medien und die Gratiszeitungen bedroht. Doch kann man das Ganze nicht positiv sehen? Immerhin tendieren die Distributionskosten gegen Null, die Anzahl von News-Websites ist beinahe unüberschaubar gross und die Gratiszeitungen sorgen dafür, dass die Menschen mehr lesen denn je.

Gottfried F. Höpli: Das kann man auch so sehen. Gelesen wird tatsächlich mehr als früher. Nur ist vom grössten Unfug bis zum wichtigsten Ereignis alles im Netz, oder, wie Heribert Prandl in der „Süddeutschen“ sagt: “Die Datenmasse nimmt zu, Verarbeitung bleibt aus“. Aber wer filtert all diese Informationen?

Die Intelligenz der Masse.

Die berühmte Schwarmintelligenz? Zumindest im 20. Jahrhundert gibt es ein paar Argumente, die gegen diese Intelligenz sprechen. Zum Beispiel hätte es dann Hitler nicht geben dürfen.

Aber ist es nicht anmassend, der Masse diese Intelligenz abzusprechen? Die Konsequenz wäre doch, dass man der Demokratie auch nicht traut.

Achtung, wir reden jetzt von Medien. Wie schaffen wir es, dass die Menschen sich über die relevanten Themen eine Meinung bilden und nicht über jeden Hafenkäse, z.B. die Causa Kachelmann. Aber das Privatleben von Frau Keller-Suter hat nicht viel damit zu tun ob sie Bundesrätin werden soll oder nicht.

Und welches sind die relevanten Informationen?

Diese sind Bestandteil einer, wie Sie sagten, unüberschaubaren Masse. Nicht mal eine Volltextsuche liefert befriedigende Ergebnisse.

Aber zum Beispiel die Linkplattform Digg.com.

Im Moment bilden sich über solche Plattformen nur die Eliten. Die Wissenskluft könnte aber nicht wie oft behauptet kleiner, sondern sogar grösser werden. Einfach www einzutippen, ist noch nicht Partizipation.

Ist es ungerecht zu sagen, dass die Verleger sich einfach auf ihren Lorbeeren ausruhen wollten und jetzt über das Demokratiesterben herumjammern, anstatt wie der Rest der Wirtschaft ihre Geschäftsmodelle den neuen Begebenheiten anzupassen?

Da muss man als erstes sagen, es sind nicht die Verleger, die jammern sondern die Experten, z.B. Kurt Imhofs Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) hat dies konstatiert.

Aber das “Ausruhen auf den Lorbeeren” hat schon was. Das System hat ja auch funktioniert. Trotzdem muss man aufpassen: Es gab auch Verleger, die um die Jahrtausendwende zwei- und dreistellige Millionenbeträge ins Netz investiert haben – etwa der Tages-Anzeiger – und daraus wurde dann die sogenannte Internetblase. Das Problem sind diese ganz anderen Strukturen. Nicht was die redaktionelle Leistung betrifft sondern die Finanzierung. Was früher noch an Erträgen da war, saugen heute die Suchmaschinen ab. Diese Suchmaschinen übernehmen unsere Inhalte, gratis natürlich, und haben durch ihr Geschäftsmodell die Inserate, die sogenannten Ads. Deshalb fordern viele Verleger nun Leistungsschutz. Denn wenn ich als einzelner Verlag zu Google gehe, dann sagt Google: “Kein Problem” und entfernt mich aus der Trefferliste. Das ist nicht zielführend. Die verschiedenen Zeitungsverlage müssen mit einer Stimme sprechen.

Unterstellt man dem Leser nicht Unmündigkeit, wenn man ihm die Fähigkeit abspricht, selber zu entscheiden, was für ihn das Beste ist? Man lässt ihn abstimmen und wählen, traut ihm aber nicht zu, selber zu entscheiden was er lesen will?

Oh,die Mündigkeit. Wenn die Nutzer zu 20 Minuten laufen, zum Privatfernsehen, was immer für oberflächliche Nutzungsarten, auch im Netz, dann geht es nicht um Mündigkeit sondern um Desinteresse,um fehlendes Engagement. Abseits stehen ist für mich kein Zeichen von Mündigkeit. Grundsätzlich steht hinter Ihrer Frage zwar ein richtiger, aufklärerischer Ansatz. Aber die, die sich nicht optimal informieren, sollte man nicht mit dem Label „Mündigkeit“ versehen.

Aber dann müsste man ihnen konsequenterweise auch das Stimmrecht absprechen.

Nein, das alte Grundrecht “one man one vote” ist eine Errungenschaft, die man nicht rückgängig machen darf. Der Bürger muss nicht Zeitung lesen. Wenn er bloggt oder anderweitig partizipiert, ist das wunderbar, dann ist er aktiv. Aber der, der sich detachiert, der nicht teilnimmt, dem spreche ich ein Stück weit auch das Label „mündig“ ab. Er hat die Wahl, aber nimmt sie nicht wahr. Das heisst nicht, dass es schlimm ist, wenn ich mal nicht abstimme. Vielleicht ist es mir egal, wie das Resultat aussieht. Aber wer sich grundsätzlich nicht beteiligt, muss sich seine Mündigkeit in Frage stellen lassen.

Als Leser sehe ich jedoch manchmal kaum einen Unterschied zwischen dem Tages-Anzeiger und 20 Minuten. Oftmals werden einfach Agenturmeldungen abgedruckt. Auch der Tages- Anzeiger ist sich nicht zu schade, einen Artikel zu schreiben, in welchem “Fuzzi21” zitiert wird, der gerade einen Kommentar zum U2-Konzert gepostet hat.

Das ist vielleicht auch nicht sein Kerngeschäft. Gerade bei Kulturereignissen stellt sich die Frage, was es dem Leser nützt, wenn hinterher darüber berichtet wird. Kulturjournalismus war oft zu sehr auf den Veranstalter, den Künstler bezogen statt auf den Leser. Jetzt interessiert uns aber auch, was die Leute davon gehalten haben. Und darum nimmt man jetzt auch die Äusserungen der Leser auf.

Um die angeblich bedrohte Demokratie zu retten, würde es doch genügen, wenn in Deutschland drei oder vier Zeitungsverlage überleben. Schliesslich würden diese ja dann entsprechend kritisch durch Blogs, Radio und TV begleitet werden. Das wäre doch kein Problem.

Nein, im Normalfall nicht. Die Deutschen sind sicher gebrannte Kinder weil es in der Weimarer Republik nur ganz wenige Verlage gab. Der rechtsnationale Hugenberg-Konzern war für die Nationalsozialisten  beispielsweise ganz wichtig. Wenn es vielfältige kleine Medien gibt, die ein freches Maul haben, dann ist es schwieriger, die Demokratie zu schädigen.

Sind Sie selber auch so pessimistisch wie die anderen Stimmen, die ich gehört habe, oder denken Sie, dass sich fast zwangsläufig ein passabler Weg auftun wird?

Von alleine wird das nicht passieren. Aber es gibt genug Kräfte im Journalismus und im Publikum, die nicht verzichten wollen auf „Qualität“, was immer man darunter versteht. Sprachliche, stilistische Brillanz, originelle Analysen und Meinungen bleiben gefragt.

Herr Höpli, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.


  1. Erfreulich ist, dass nicht nur über die Mediennutzer sondern auch über die Medienproduzenten diskutiert wird. Erfreulich ist auch, dass mit unterschiedlichen (lassen wir mal das so stehen) Sponsoren die Qualität, die Finanzierung und der Nutzen (Bildung, Information, 4. Gewalt) diskutiert wird. GFH ist unter anderen ein Treiber dieser Diskussion. Ob im schönen Tessin Russ-Möhl sein Monitoring betereibt die Jungs vom IPMZ aufwändige Studien erstellen (Qualität der Medien, hier würde ich ganz einfach bestimmte Seiten herausreissen, die Grundarbeit ist phantastisch das Fazit so so la la und streitwürdig).

    Lange Zeit haben sich Politik und Behörden nur auf wenige (Jarren, Imhof und andere Zürcher) bezogen und die Medienpolitik darauf abgestellt. Langsam wurde dieser Zirkel aufgebrochen und es kamen auch andere Meinungen und Ansätze zum Zuge. Eine Auswirkung hiervon ist das gegenwärtige (zugegeben nicht perfekte, jedoch immer noch besser als das helozentrische SRG-Bild, dass nun wirklich veraltet ist) RTVG. Besonders bunt trieben es meiner Meinung nach die Gruppe um Steinemann, die keine Visionen zu einer künftigen Medienpolitik, dass eben auch die regionalen Sender umfasst, aufzeigte eher nur die Probleme aufzeigte und jede Lösung als (ich übertreibe jetzt) als Unfung deklarierte. Der typische Beratersyndrom also.

    Eine nachhaltige Medienpolitik der öffentlichen Hand wäre die Wiedereinführung des verbilligten Zeitungs- und Zeitschriftentransportes. Eine Ausweitung der Konzessionsgelder-Empfänger auf alle Gattungen.