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Hinter den Kulissen beim St.Galler Tagblatt

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Den Print-Teams unter euch ist sein Name spätestens seit seinem Referat vom Dienstagmorgen geläufig. Andere kennen ihn von seiner journalistischen Tätigkeit in der Schweizer Medienlandschaft. Die Rede ist von Gottlieb F. Höpli. Ich habe ihn im Rahmen meiner Kurzreportage über das St.Galler Tagblatt abgefangen und mit ihm über die Zeitung und den Journalismus gesprochen.

Als Assessis brennt dieser Tage vielen von uns die Frage unter den Nägeln, wie sich andere Persönlichkeiten für ihre spätere Berufsrichtung entschieden haben. Deshalb wollte ich von Herrn Höpli wissen, wie er zum Journalismus kam. Er offenbart mir, dass Neugierde für ihn im Vordergrund stand. Seiner Leidenschaft für Zeitungen ist er bereits mit zwölf Jahren nachgegangen und so war er ein begeisterter NZZ-Leser. Er interessierte sich früh für aktuelle Themen wie Politik und Wirtschaft. Den Anfang seiner Karriere als Journalist startete er in der Kantonsschule rund fünf Jahre später mit dem Schnuppern bei der Thurgauer Zeitung – wo er auch schreiben durfte. Später entschied er sich für ein Studium in den Fächern Germanistik, Soziologie und Publizistik an der Universität Zürich und Freien Universität Berlin.

Seine Faszination galt insbesondere der Rezension: Wie kann man etwas beurteilen ohne nur die Begriffe schlecht und gut zu verwenden? Wie kritisiert man konstruktiv und tiefgründig? Sicherlich auch mit diesen Fragen im Hinterkopf schrieb er seine Lizenziatsarbeit über den Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr. Nach seinem Abschluss arbeitete er bei verschiedenen Schweizer Zeitungen und auch beim Fernsehen als Journalist. Ab 1994 belegte er den Posten des Chefredakteurs beim St.Galler Tagblatt, welchen er schliesslich vor einem Jahr niedergelegt hat.

Tagblatt: Der Tagesablauf eines Journalisten

Als ehemaliger Chefredaktor kann mir Herr Höpli wunderbar über die Arbeit beim Tagblatt Auskunft geben. Der Tag eines Journalisten beginnt mit der Redaktionssitzung. Dort wird besprochen, welche Ereignisse anstehen werden. Alle haben das am Tag zuvor geschriebene und am Morgen erschienene Blatt gelesen und ihren Ressorts gemäss die Agenda für den kommenden Tag studiert. Die Leistung der erschienen Ausgabe wie Umsatz oder Lesermeinungen werden besprochen und eventuell in die neue Edition bernommen. Ausserdem werden vom Blattmacher die verschiedenen Artikel von den einzelnen Ressorts getrennt, damit keine thematischen Überschneidungen entstehen. Anschliessend beginnen die Journalisten mit der eigentlichen Aufgabe: dem Recherchieren und Schreiben. Parallel zu dieser Arbeit wird eine permanente Redaktionskonferenz abgehalten, in der die aktuellen News im Auge behalten werden. So konnten beispielsweise die Journalisten am 11.September 2001 ihre bisherigen Artikel rasch auf das aktuelle Thema Anschlag auf das World Trade Center umpolen. Ab 11.00 Uhr morgens wird klar, wie gross der Gesamtumfang der Zeitung aussieht. Natürlich werden die Journalisten auch oft durch unvorhersehbare und absichtlich nicht angekündigte Pressekonferenzen gefordert spontan ihr Programm ändern zu können.

Themenwahl für die Artikel und die Haltung der Zeitung

Die Themenwahl für die Artikel ist durch die Agenda häufig schon recht eingegrenzt. Beispielsweise schreiben die Fokus-Reporter im Wochentakt, wogegen die Aktualitätsjournalisten auf die kurzfristigen politischen, wirtschaftlichen und ausländischen Meldungen Rücksicht nehmen müssen. Der Blattmacher und der Regionalchef entscheiden schlussendlich, wer über welches Ereignis schreiben soll, um Dopplungen zu vermeiden. Ein anderer wichtiger Punkt ist die Haltung der Zeitung. Beispielsweise gibt sich die NZZ als wirtschaftsliberale Zeitung aus. Wie aber kann man diese Haltung der Zeitung aufbauen und bewahren?

Herr Höpli verrät mir, dass das Redaktionsstatut die Haltung der Zeitung vorschreibt. Der Chefredaktor wählt seine Mitarbeitenden bewusst auf ihre eigene Lebenseinstellung und Sichtweise aus, damit dieser Grundsatz gewährleistet wird. Ausserdem hat er in seiner Position die Möglichkeit gewisse Artikel ausgewählten Journalisten zuzuteilen, von denen er sicher sein kann, dass sie den Ton der Zeitung am besten treffen können. Ich habe in meiner Zeit als Chefredaktor noch nie einen Artikel verboten., sagt er. Erst einmal musste er einem Kollegen anbieten, den Beitrag selbst zu schreiben, da er dessen Argumentation nicht verstanden habe und sie qualitativ ungenügend gewesen sei. Doch sei dieser Vorfall nicht weiter störend gewesen für die Zusammenarbeit, denn schon am nächsten Tag habe der Journalist seinen Text verändert.

Zusammenarbeit mit anderen Zeitungen

Die Mittel der Zeitungen werden durch die starke Konkurrenz der Gratismedien immer geringer und daher wird häufig auch bei den Auslandskorrespondenten gespart. Da wirft sich die Frage auf, wie sich die Zeitungen gegenseitig helfen, diese Knappheit zu entschärfen. Weil das Tagblatt zur NZZ Verlagsgruppe gehört, wäre es für den Laien naheliegend, dass die Korrespondentenberichte von der Mutterzeitung zur Verfügung gestellt werden. Dem ist aber nicht so. Herr Höpli klärt mich auf, dass die NZZ, als nationales Blatt, ihre Exklusivität bewahren muss und deshalb ihre Korrespondentenberichte nicht aus der Hand geben kann. Das Tagblatt schliesst sich mit den Regionalzeitungen Luzerner Zeitung, dem Bund, der Basler Zeitung und der Sdostschweiz Zeitung wegen dem ähnlichen Zielpublikum zusammen und diese teilen die Korrespondenten untereinander.

Einfluss der Geschftsleitung auf den Chefredaktor

Die Geschäftsleitung einer Zeitung hat grundsätzlich keinen Einfluss auf den Zeitungsinhalt. Für das ist der Chefredaktor und die Redaktion im Allgemeinen zuständig., erklärt der Experte mir.  Dennoch kann die Geschäftsleitung mit ihrem Druck auf den Chefredaktor in Bezug auf die Absatzzahlen und den Umsatz eines Blattes, den Inhalt indirekt beeinflussen. Herr Höpli berichtet mir: Es gab schon Fälle, in denen die Belastung eines Chefredaktors so gross war, dass dieser Selbstmord begangen hat oder in die Psychiatrie eingewiesen werden musste.

Unser Gesprächspartner hat seine Zeit beim Tagblatt aber offensichtlich gut berstanden.

Bildnachweis: Alev Kurucay (2010)

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